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max wencelides

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Text von Dr. Anne Vieth
Kuratorin Stuttgarter Kunstmuseum,
Autorin: Addicted to walls: Zeitgenössische Wandarbeiten im Ausstellungsraum

 

 

Mit der skulpturalen Arbeit „Wand“ 2019 entwickelt Max Wencelides im Rahmen seines Diploms ein
ortsspezifsches Werk, das einen starken Bezug zur Funktion des umgebendenRaums eröfnet und da-
rin das künstlerische Arbeiten in Hinblick auf mehrere Aspekte befragt. Da ist zum einen die Ateliersitu-
ation, also der Ort, an dem der künstlerische Schafensprozess vollzogen wird. Hier handelt es sich um
ein gemeinschaftliches Atelier, das bereits vor der Studienzeit des Künstlers der Klasse Metzel als Atelier
zur Verfügung stand. Der Künstler verändert die Raumsituation durch seine architektonische Interven-
tion nachhaltig. Indem er eine zentrale Wand des Ateliers um 90 Grad in den Raum dreht, schaft er eine
neue Ausgangslage, auf die alle im Atelier arbeitenden Personen reagieren – bewusst oder unbewusst.
Der Raum, die individuellen sowie kollektiven Bewegungen und Handlungen werden sich neu fnden
und ausrichten. Diese auf den ersten Blick minimale Geste hat das Potenzial für den Kontext zu sensibi-
lisieren und das Nachdenken über die uns umgebenden räumlichen Strukturen anzuregen. Bei diesem
Vorgehen die Raumgrenze Wand zu fokussieren, ist dahingehend zielführend, dass es sich bei ihr um
jene der drei Raumkonstituenten handelt, die unsere räumliche und leibliche Wahrnehmung am deut-
lichsten prägt.

 

Die verschobene Wand diente einst als Abtrennung – dahinter lag ein Stauraum für die Studierenden,
die Wandvorderseite wurde in der Regel als Hänge- oder Projektionsfäche genutzt. Hierin liegt der
zweite grundlegende Refexionsmoment der Arbeit: die Präsentationformen/-konventionen von Kunst
bzw. das Display. Indem Wencelides diese Trennwand zum Werk deklariert und durch die Verschiebung
deren skulpturale Beschafenheit hervorkehrt, exponiert er auch deren Oberfäche und damit die viel-
fältigen Spuren, die das Ausstellen von Werken auf dieser Wand hinterlassen hat. Damit verweist er auf
ein künstlerisches Interesse, das sich generalisierend als Kontextbewusstsein umschreiben lässt und
sich spätestens seit den 1960er-Jahren auszubilden begann. Die Zuspitzung dieses Interesses auf die
Raumkonstituente Wand wurde damals von Künstlern wie u.a. William Anastasi, Lawrence Weiner und
Charlotte Posenenske betrieben und erhielt durch die kunsttheoretische Abhandlung „Inside the Withe
Cube“ (1976) von Brian O’Doherty weiteren Auftrieb. Es sind vor allem die weißen, makellosen und ver-
meintlich neutralen Wände, die den sogenannten White Cube charakterisieren und den seit der Moder-
ne vorherrschenden Standard für die Präsentation von Kunst verkörpern. Zahlreiche Künstlerinnen und
Künstler machen es sich seither zur Aufgabe die in diesem Raum wirkenden Ideologien und Macht-
strukturen zu entlarven und wählen dabei häufg die weiße Ausstellungswand als Objekt der Auseinan-
dersetzung. Michael Asher etwa ließ für seine Arbeit in der Copley Gallery in Los Angeles (1974) die ge-
samte Galerie mit einem neuen weißen Anstrich versehen und entnahm die Trennwand zwischen dem
Ausstellungsraum und den dahinterliegenden Büro- und Lagerräumen. Mit dieser Wandentnahme legte
der Künstler den administrativen Bereich der Galerie frei und gab dem Besucher damit Zugang zu den
sonst nicht sicht- und hörbaren Geschäften, die die Galeristin Claire Copley und ihre Angestellten prinzi-
piell ohne Augenzeugen führten. Asher verdeutlicht derart die in der Galerie gültigen ökonomischen und
ausschlussproduzierenden Strukturen. Damit legte er das Augenmerk auf die soziale Verfasstheit des
Galerieraumes im Speziellen, aber natürlich auch von Räumen im Allgemeinen.

 

Die Arbeit von Max Wencelides geht vergleichbar mehrspurig vor, denn sie führt die in Räumen wirken-
den sozialen Mechanismen vor Augen und akzentuiert dabei den Atelierraum einer künstlerischen Aus-
bildungsstätte. Auch Wencelides Urbarmachung der weißen Ausstellungswand stellt Fragen an diese
Institution und ihre Teilhabe an der Herstellung, Präsentation und Distribution von Kunst. Als Abschluss-
arbeit ist das Werk ein schlüssiger Schritt und zugleich eine autobiografsche Auseinandersetzung mit
dem Raum „in dem ich unzählige Stunden meines Studiums verbracht habe“.